It doesn't hurt me - do you wanna know how it feels?

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~ 1. Jedes Ende ist ein Anfang ~

Nach dem Ableben fährt die unsterbliche Seele in den Himmel auf. Wenn der Mensch stirbt und seine fleischliche Hülle hinter sich lässt, wenn er alles Irdische abstreift wie einen abgetragenen Mantel, dann ist seine Seele frei. Dann kann sie heimkehren, zurück in das Licht, aus welchem sie einst in die Welt gekommen ist; heimkehren, um wieder eins mit dem Schöpfer zu sein.
Lügen.
Alles Lügen. Dieser ganze Quatsch vom Auffahren der feinstofflichen Überreste eines Menschen in den Himmel ist nichts weiter als eine bequeme Ausrede für all jene Personen, welche die Wahrheit nicht sehen wollen. Wieder eine Unmöglichkeit, die sich die Religionen ausgedacht haben, um ihre Gläubigen bei der Stange zu halten.
Ich selbst habe auch einmal daran geglaubt, bis... ja, bis ich eines besseren belehrt worden bin, indem ich tatsächlich starb.
Es geschah ganz plötzlich und ohne dass ich mich groß darauf hätte vorbereiten können. Ich bin nicht sonderlich alt geworden, nicht einmal vierzig, was für einen Menschen des einundzwanzigsten Jahrhundert ja nun wirklich noch kein Alter ist. Na gut, ich gebe zu, dass ich nicht unbedingt den gesündesten Lebenswandel geführt habe, aber egal ob man nun wie ich raucht und manchmal dem Alkohol zuspricht – oder es eben nicht tut –, irgendwann stirbt doch jeder von uns. Das ist das unheimliche am Tod, wie ich finde – dass er irgendwann jeden erwischt, egal wer oder was man im Leben auch war.
Aber ich komme von meinem eigentlichen Anliegen ab; ich wollte von meinem Verscheiden erzählen, nicht von den kleinen und großen Verfehlungen innerhalb meines Lebens.
Mein Ende kam, wie bereits erwähnt, sehr unerwartet.
Irgendein junger Kerl, wenn ich mich recht entsinne. Kaum ein Jahr lang den Führerschein in der Tasche, dafür aber ziemlich betrunken den protzigen Wagen der Eltern fahrend. Zu Schrott fahrend um genauer zu sein, weil er ihn gegen den nächsten Baum setzte... und mich hat dieser halbstarke Depp dabei gleich mitgenommen.
Es gibt sicherlich weitaus angenehmere Arten des Todes als die, zwischen der eingedrückten Kühlerhaube einer S-Klasse und dem halb zersplitterten Stamm einer Eiche zu verenden, das ist, denke ich, offensichtlich..
Danach – also nachdem mein Lebenslicht erlosch, ehe der Rettungswagen kam – war zunächst auch alles genau so, wie es von Leuten mit Nahtoderfahrung immer wieder beschrieben worden ist: Ich habe den Tunnel und das auf mich zukommende Licht gesehen, habe mich gefühlt, als würde ein Teil von mir aus meinem Körper herausgerissen und auf dieses Licht zukatapultiert – und dann hielt die Welt plötzlich ruckartig an.
Was folgte mutete an, als zöge sich die Zeit wie klebriger Kaugummi in die Läge – ein ekelhaftes Erlebnis wenn kurz zuvor noch alles rasend schnell ging. Das nächste, was ich weiß war, dass ich etwa anderthalb Meter über meinem versehrten Körper schwebte; fast so hoch, dass ich es mir in den niedrigsten Ästen der Eiche hätte bequem machen können.
Man stelle sich vor, was das für ein Schock ist wenn langsam in einem durchsickert, dass man nicht mehr lebt.
Natürlich war ich zunächst erschrocken, doch legte sich dieser Schrecken und machte bald einer immensen Wut auf den jungen Mann Platz, der Schuld an dieser meiner Lage war. Gern hätte ich ihm in diesem Moment den Hals umgedreht, doch ergab sich für mich als körperloses Wesen logischerweise das Problem, dass allein das Zugreifen mir die eine oder andere Schwierigkeit bereitet hätte.
Als ich dann auch noch mitbekam, wie der Junge in echte Tränen aus- und vor den nun doch noch hinzugekommenen Rettungskräften zusammenbrach, verflüchtigte sich mein Zorn bald wieder. Ich erkannte, dass der Fahrer des verunglückten Wagens absolute Reue empfand, und auch wenn sie etwas zu spät kam – es tat ihm immerhin leid. Der Gedanke, dass er den Rest seines Lebens mit dieser Schuld würde leben müssen war, zumindest meiner Ansicht nach, eine ausreichende Entschädigung für meinen Tod, vor allem da ich niemanden zurückgelassen habe, der ernsthaft um mich hätte trauern müssen.
Eigentlich ist es also gut, dass ich nicht die Möglichkeit hatte den Jungspund umzubringen, sonst hätte ich ihn am Ende gar für den Rest aller Zeiten am Hals gehabt.
Nachdem ich nun also verschieden war wunderte ich mich einige Augenblicke darüber, eben nicht an den Ort gelangt zu sein, den man landläufig Himmel nennt; ja nicht einmal das Tor zum Fegefeuer, geschweige denn das zur Hölle, war irgendwo in Sicht.
Nach einigem Nachsinnen darüber kam ich dann aber zu dem Schluss, dass es ja vielleicht dauern könnte, bis ich mit dem Auffahren oder Absteigen an der Reihe war – wer, der nicht bereits einmal tot war und noch darum weiß kann schon sagen, ob es Warteschlangen gibt und wie lang sie sind?
Also tat ich das, was mir in meiner seltsam anmutenden Lage als das einzig Richtige erschien: Ich übte mich in Geduld und wartete.
Ich sollte sehr, sehr lange warten.
Stunden wurden zu Tagen; Tage und Nächte wurden zu Wochen und Wochen wurden zu Monaten, ohne dass irgendetwas passierte, das mich aus meiner halbfertigen Situation hätte befreien können.
Natürlich habe ich mich irgendwann dazu entschlossen, meine Wartezeit nicht an meinem Sterbeort zu vertun und bin etwas in der Umgebung herumgereist – wenn ich das langsame sich - treiben - lassen denn so nennen darf. Meine Ausflüge waren zu Anfang kurz und gingen immer nur so weit, dass ich den Baum, an dem ich meinen Tod gefunden hatte noch ‚sehen’ konnte. Ich schätze das hat etwas damit zu tun, dass ich mich an diesen Ort gebunden fühlte, immerhin hatte ich dort mein Leben ausgehaucht.
Später wurde ich dann allerdings mutiger, und irgendwann, nach gut zwei Monaten, wie ich denke, traute ich mich so weit fort, dass ich meinen Weg bis in die nächstgelegene Stadt fand. Dort, inmitten des Stroms nie enden wollender Betriebsamkeit, innerhalb des pulsierenden Lebens, fand ich schließlich jemanden, der mein Schicksal teilte. Er nannte sich Jeremias, war schon vor über zwei Jahren aus dem Leben geschieden und hatte sich, wie er mich wissen ließ damit abgefunden, ebenfalls nicht abgeholt worden zu sein. Überhaupt, so meinte er, sei dieses ganze Gerede über Himmel und Hölle blanker Unsinn; in Wirklichkeit verliefen Leben und Tod in anderen Bahnen.
Selbstverständlich, so mein neuer Freund, gab und gibt es so etwas wie eine übergeordnete Institution, die Leben und Tod beaufsichtigt sowie verwaltet. Diese Einrichtung dient aber lediglich dem Zweck, freie Seelen zu beobachten und sie dann irgendwann, wenn ein neuer Mensch geboren werden soll dazu aufzufordern, sich in diesen entstehenden Körper zu begeben. In diesem jungfräulichen Menschen würde man dann ein neues Leben beginnen, wobei man während der Geburt seine Erinnerungen an das Warten davor verliert – schon allein aus dem Grunde, dass man sich und seinen Mitmenschen, die ja auch alles vergessen haben, nicht den Spaß am jeweiligen Leben verdirbt.
Diese Informationen, die ich durch Jeremias erhielt, versetzten mir zunächst einen Schock, hatte ich mich unter anderem doch schon fast darauf gefreut, Petrus an der Himmelspforte die Hand zu geben und mit Jesus einen Becher Wein zu trinken. Zudem erschien mir die Aussicht darauf, noch länger auf irgendetwas warten zu müssen, als ziemlich trostlos.
Aber wenigstens war ich jetzt nicht mehr allein und konnte zusammen mit einem Leidensgenossen die Wartezeit verbringen – egal was uns blühen würde.
Ich sollte indes Recht behalten mit meiner Annahme; die Zeit des Ausharrens war trostlos. Wenn man keine Bedürfnisse hat, keine Wünsche befriedigen kann und einfach nur da ist, kann einem die Zeit recht lang werden – noch länger, wenn man sie allein verbringen muss. So geht es zumindest mir, jetzt, wo Jeremias ‚abgeholt’ worden ist.
Bestimmt führt er bald schon wieder ein erfülltes Leben in einem weichen, wohlgeformten, wunderbar begrenzten Leib. Ein Körper, mit dem man sehen, riechen, hören und schmecken kann; ein Körper, in dem man nicht nur denkt, sondern auch wieder etwas fühlt - richtig fühlt.

Himmel, ich vermisse es, einen Körper zu besitzen und Dinge damit tun zu können.
Ich glaube, das ist fast ein bisschen wie das Heimweh, das man auf einer interessanten, aber sehr langen Reise verspürt; einer Reise, die einem zwar gefallen hat aber nach der man trotzdem froh ist, wieder zu Hause sein zu können.
Ich denke, ich werde auch froh sein – froh und glücklich, wenn diese Warterei ein Ende haben wird, wenn ich einen Körper zugewiesen bekomme und wieder leben darf.
Ich werde sehr erleichtert sein. Einerlei wie mein neues Leben und mein neuer Körper genau ausfallen werden, denn egal was ich bekomme, es wird eine Rückkehr nach Hause sein.





~ 2. Lebendige Farben ~

Ich bin immer noch da. Bin nicht abgeholt worden; existiere immer noch körperlos vor mich hin. Meine Heimkehr lässt anscheinend noch etwas auf sich warten, aber ich bin die einsame Warterei ja mittlerweile gewöhnt.
So verbringe ich meine freie Zeit damit, mich in der Welt der Körperbesitzer umzusehen. Dieser Zeitvertreib ist für mich höchst interessant, vor allem da ich alle – und ich meine wirklich alle – Menschen beobachten kann. Ich bin keinen Begrenzungen unterworfen: Wo früher verschlossene Türen und Wände den Zugang verwehrten gibt es jetzt, wo ich körperlos bin nichts mehr, das mich aufhalten könnte. Hinzu kommt der kaum übersehbare Vorteil, dass mich die Lebenden offenbar weder sehen, noch hören, noch anders wahrnehmen können. Zumindest ist letzteres bei den meisten Personen der Fall.
Auf meinen Reisen - oder beim „Herumtreiben“ - habe ich nicht nur alle möglichen Menschen in den unterschiedlichsten Situationen erlebt, sondern eine gänzlich neue, faszinierende Entdeckung gemacht: Jedes lebende Wesen verfügt über eine leuchtende Aureole, die es wie eine zweite Haut umgibt. In dieser „Aura“ spiegeln sich alle Farben des Regenbogens und je nach der momentanen Gefühlslage verstärken sich die unterschiedlichen Farbnuancen eines Körperbesitzers. Es gibt, so habe ich erleben dürfen, Tausende von unterschiedlichen Farbmustern in jeder Lebenslage. Dieses Phänomen erstreckt sich auf wirklich alle Menschen; von der jungen Mutter, die ihr Kind in Besorgnis festhält, damit es nicht auf die Straße läuft über den frommen Pfarrer, der Sonntags seine Messen liest bis hin zum betrunkenen Fließbandarbeiter, der seinen langen, mühseligen Alltag im Suff hinter sich lässt. Jedes Tier und jeder Mensch besitzen eine ganz eigene Farbmischung. Es ist hierbei fast ein bisschen so wie mit den Fingerabdrücken, keine von diesen Mischungen ist jemals wirklich ganz und gar gleich.
Das für mich eindrucksvollster Beispiel dieses Vorgangs wurde mir allerdings vor ein paar Tagen geboten. Ich weiß nicht mehr genau warum, doch glitt ich an besagtem Abend an einem Fenster vorbei, aus dem es plötzlich grelllila zu leuchten begann. Neugierig geworden schob ich mich etwas in die Höhe und nach vorn, bis ich ganz in den Raum hineinglitt und eine junge Frau sehen konnte die, ganz offensichtlich telefonierend, auf ihrem Bett lag. Sie hatte es sich bäuchlings bequem gemacht und studierte, während sie redete, ein Bild. Genauer gesagt handelte sich um das Foto eines relativ gutaussehenden, jungen Mannes.
Den Gesprächsfetzen, die ich aufschnappen konnte entnahm ich, dass besagter Herr auf dem Lichtbild ihr neuer Freund war und dass sie gerade mit einer Freundin darüber sprach, wie schön das letzte Wochenende mit ihm gewesen sei. Während sie die gemeinsamen Ausflüge, das Essen beim Italiener und den anschließenden Kinobesuch in allen Einzelheiten wiedergab, veränderte sich das Farbmuster um sie herum stetig. Von aufgeregtem, knisterndem Violett verschob sich die Intensität der verschiedenen Eindrücke und teilte sich langsam, bis sich unter dem Regenbogenleuchten zwei hervorstechende Töne abzeichneten: Schwankend zwischen immer wieder aufflammendem Blau und blitzendem Zinnoberrot lag das Mädchen da; lachte, lächelte, erzählte immer weiter glücklich und verliebt vor sich hin.
Das Farbenspiel schwoll an und ab, während ich sie weiterhin musterte. Ihr Leben erschien in diesen Augenblicken strahlend. Rein. Perfekt.
Ich glaube, ich habe mich kurz für sie gefreut. Zumindest habe ich gedacht, dass es schön für sie ist, auch wenn ich verhältnismäßig wenig mit den Gefühlsregungen anfangen konnte, die sich mir boten. Ich begann nachzudenken, während ich mich unbemerkt davonmachte und die junge Frau wieder mit ihrem überschäumenden Glück allein ließ.
Hatte ich auch einmal so gefühlt? Hatte es früher, als ich noch meinen letzten Leib besessen hatte, für mich auch solche bis an den Rand mit Freude gefüllte Momente gegeben? Und vor allem, warum fühle ich jetzt kaum noch etwas?
Vielleicht werde ich die Antwort finden, wenn ich weiterreise, wenn ich noch mehr Menschen beobachte und noch mehr Gefühle studiere.
Vielleicht finde ich dann heraus, warum Neugierde und Geduld alles sind, was mir in dieser Gestalt geblieben zu sein scheint.




~ 3. Zwei Seiten ~

„Die Liebe ist langmütig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, die prahlt nicht und sie ist nicht überheblich. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar noch nachtragend.“
So steht es irgendwo in der Bibel, zumindest glaube ich mich daran zu erinnern, es in meinem letzten Leben einmal dort gelesen zu haben. Einer der Briefe an die Korinther beinhaltete diese Zeilen, wenn ich mich nicht irre. Zeilen, die aufrichten und vielen Menschen aus der Seele zu sprechen scheinen. Diese Liebe, von welcher dort geschrieben wird, scheint etwas Wunderbares zu sein; etwas, dass niemals aufhört, das einfach nur ist, wie es ist. Das klingt sehr schön, zumindest meiner Ansicht nach.
Vielleicht habe ich ebendiese Form der Herzenswärme bei der jungen Frau wahrnehmen dürfen, welche ich kürzlich beim telefonieren und vor Liebe erblühen beobachtet habe.
Aber wenn die Liebe weder verletzend noch auf sich selbst bedacht ist, wie mich die vorangegangenen Zeilen glauben machen wollen, wenn diese höchste der Emotionen eigentlich nur gut und schön ist, warum kann sie dann auch so viel Schmerz über jene bringen, die ihr ausgeliefert sind? Warum macht die Liebe den Menschen verletzlich und einfach; weshalb lässt sie ihn manchmal blind und oft angreifbar werden? Warum wird aus dem Gefühl Liebe heraus gestohlen, gelogen, betrogen oder, noch schlimmer, getötet?
All diese Fragen kann ich nicht beantworten, auch wenn ich sie mir nach dem letzten Vorfall sicher nicht grundlos stelle. Ich habe einer Demonstration der Kehrseite der Liebe beiwohnen dürfen, als ich mich letzte Nacht im besseren Viertel dieser Stadt herumtrieb. Dort zog ich an einer Reihe gleich aussehender Häuser vorbei, als mich plötzlich etwas links von mir aufschreckte. Lautes Geschrei und knallende, berstende Geräusche drangen zusammen mit grellen Grün- und Gelbtönen aus der unteren Etage einer dieser Behausungen auf die Straße hinaus und erregten rasch meine Aufmerksamkeit. Wieder überfiel mich diese Neugierde, welche ich auch schon das letzte Mal in solch einem farbenfrohen Fall verspürt hatte, weshalb ich rasch meinen Kurs änderte und durch die weiß verputzte Außenwand ins Innere des Hauses waberte. In dem Moment, als ein Suppenteller, gefolgt von Tasse und zugehöriger Untertasse durch mich hindurch flogen war ich wieder einmal mehr als froh, zu diesem Zeitpunkt keinen eigenen Körper zu besitzen; das Aufeinandertreffen von Porzellan und Haut hätte dann doch ziemlich schmerzhaft werden können.
Die Szene, die sich mir darbot, war alleingenommen allerdings auch erschreckend genug, hätte ich denn noch Schrecken fühlen können:
Das Geschirr hatte eine wutentbrannt keifende Frau geworfen, allem Anschein nach gezielt in Richtung eines Mannes in ihrem Alter, der sich gerade noch mit einem Hechtsprung aus dem Raum gerettet hatte. Wogendes, schmerzend-grelles Rot vermischte sich langsam mit dem giftigen Grün und dem schreienden Gelb, welche ich schon draußen wahrgenommen hatte. Schwer atmend stand die Frau umgeben von diesem Farbennebel in ihrer Küche, ließ gerade die Hände sinken und starrte fassungslos auf das in Scherben liegende Porzellan zu ihren Füßen. Dann wanderte der Blick aus blaugrauen Augen weiter auf ihre Hände – und somit auch auf das Schmuckstück, welches auf dem Ringfinger ihrer Rechten steckte. Eheleute. Scheinbar kühlte die Erkenntnis um das, was sie eben getan hatte das Gemüt der Dame deutlich ab, denn plötzlich drehte sie sich ruckartig um und verließ das Zimmer, um „ins Bett zu gehen“, wie sie sich leise grollend ausdrückte.
Der Sturm legte sich mit dieser Botschaft, sodass sich irgendwann auch der malträtierte Herr des Hauses wieder aus seinem Versteck im Wohnzimmer hervorwagen konnte. Er wirkte mit seinem leicht zwischen die Schultern gezogenen Kopf und den übervorsichtig gesetzten, kleinen Schritten nicht nur wie der sprichwörtliche, geprügelte Hund, sondern seine Aura erzählte mir eine weitere, bedeutend bizarrere Geschichte: Bei ihm vermischten sich grelles, wütendes Rot und flackerndes, hilfloses Grau mit einem Hauch von trotzigem Orange, aber da war noch mehr. Brennendes, sich immer weiter ausbreitendes, alles zerfressendes Schwarz.
Es war eine erschreckend bösartig wirkende Prägung im Umfeld dieses Mannes zu spüren; eine, die ich so bisher noch an keinem Körperbesitzer wahrgenommen hatte – und meine Streifzüge konnte man nun wirklich als mehr als nur „ausgedehnt“ bezeichnen. Glühend, die anderen Nuancen unter sich begrabend, fraß sich das Dunkel immer weiter über den Adamssohn hinweg, während er sich sichtbar aufrichtete und die letzten Meter bis zu dem Zimmer zurücklegte, in welches sich seine Frau zum schlafen begeben hatte. Der kurze Griff seiner beringten Rechten, mit dem er zuvor etwas langes, blitzendes von einer Anrichte nahm, entging mit keineswegs, doch folgte ich ihm dessen ungeachtet – und sah trotz des Grauens, welches mich eigentlich hätte überfallen sollen, neugierig zu.
Sie starb langsam und qualvoll. Gegenwehr sowie Schreie erstickte er mit einem Kissen und unter der Aufwendung eines überraschenden Maßes an Körperkraft. Er atmete schwer und fluchte immer wieder halblaut vor sich hin. Er wähnte sich ganz und gar im Recht, immerhin hatte sie ihn betrogen. Er zögerte nicht ein einziges Mal, während er zustach.
Ihre Aura erlosch irgendwann mittendrin, ganz plötzlich. Dann huschte etwas fast Farbloses aus dem versehrten Frauenleib heraus und verschwand zum Fenster heraus, hinaus in die Dunkelheit des Abends.
Ich habe insgesamt elf Stiche, jede Menge Blutflecken an den unterschiedlichsten Stellen des Raumes, seines Gesichts und seiner Kleider gezählt, habe jedes Detail in mich aufgenommen und mich nicht eine Sekunde lang abgewandt. Anscheinend härtet das tot-sein gegenüber solchen – sowie allen anderen – emotionsgeladenen Szenen ab.
Dann war es plötzlich vorbei. Das Messer entglitt seiner Hand und seine Beine versagten ihm den Dienst, als das Schwarz sich verflüchtigte und an seine Stelle ein warmes Goldgelb der Erkenntnis, ein kränkliches Flieder der Verzweiflung und ein flackerndes Tiefrot des Schmerzes traten. Er bleib so neben ihr kauern, weinte, wippte vor und zurück und stammelte immer wieder die selben Worte, während er ihr durch das blutige Haar streichelte: „Schatz, du darfst nicht tot sein. Wach auf, ich liebe dich doch.“
Ich habe die beiden alleingelassen. Noch länger zu bleiben hätte ich seltsamerweise als unhöflich und taktlos empfunden. Das Pärchen würde noch früh genug Besuch von irgendwelchen Hütern des Gesetzes bekommen. Sie brauchten mich und ich brauchte sie nicht länger.
Warum ich so lange dort gewesen bin und weshalb ich meine Beobachtungen nicht einfach unterbrach weiß ich nicht. Weswegen ich noch weniger als in anderen Fällen des Beobachtens empfunden habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß jetzt nur, dass Menschen dank ihrer Empfindungen manchmal wirklich nicht Herr über sich selbst sind und das absolut jede Emotion zwei Seiten zu haben scheint.
So viel zur weder verletzenden, noch auf sich selbst bedachten Liebe.




~ 4. Körper und Geist ~

Es ist soweit. Heute ist der Tag, an dem alles Vergangene endet und alles Neue seinen Anfang nimmt. Jetzt kann ich endlich behaupten, dass ich bald erlöst sein werde vom ewigen Warten und von der körperlosen Existenz. Dieser Augenblick ist etwas besonderes, da nun meine Heimkehr unmittelbar bevorsteht.
Ich wurde gestern offiziell dazu aufgefordert, mich umgehend „zur Weiterleitung in ein neues Gefäß“, wie man es bezeichnete, zu melden. Ein Wesen, fast durchscheinend und dabei in blassem Gold schimmernd, hat mich zu diesem Zweck abgeholt. Es sah meiner jetzigen Form sehr ähnlich, sieht man einmal davon ab dass ich gänzlich farblos bin. Aber das ist insgesamt eigentlich nicht so wichtig... zumindest nicht mehr. Das Wesen tauchte jedenfalls ohne Ankündigung bei mir auf, stellte sich nicht vor und machte keine Angaben außer ein paar Fragen nach eventuellen Wünschen von meiner Seite für den weiteren Verlauf des Geschehens, des Endstadiums meiner Reise. Und dann, als ich keine Antwort geben konnte, weil es mir lediglich wichtig war, einen neuen Leib zu bekommen, nahm es mich mit. Schneller als die Zeit fliegt zog es meinen Geist auf für mich unerklärliche Weise mit sich fort; hinaus aus der Welt der Körperbesitzer ins Nirgendwo.
Jetzt bin ich hier, inmitten von endloser Weite.
Meine Führung vertraute mir, ehe sie mich verließ, doch noch ein paar Kleinigkeiten an. Zum einen erklärte sie mir, dass dieser Ort auch als „Halle der Umverteilung“ bezeichnet würde und dass ich von hieraus direkt in einen - meinen - neuen Körper fahren könne, zumindest bald. Bei der Wahl meiner neuen Heimat habe man zum anderen auf das Sorgfältigste meinen bisherigen Werdegang durchgearbeitet, so wie es in jedem Fall üblich sei. Alle Leben die ich gelebt und alle Körper die ich jemals bewohnt hatte seien in Dateien verzeichnet und würden in ihrer Gesamtheit ausgewertet, sodass es am Ende dieses Prozesses simpel sei, mir ein Dasein zuzuweisen, welches sich möglichst von den bereits Benutzten unterscheiden sollte. Auf diese Weise würde meine, genauso wie jede andere Seele, innerhalb ihrer Laufbahn alle möglichen Konstellationen einmal durchmachen; das sahen die oberen Verwaltungs- und Regulierungsbehörden als die einzig faire Abfolge von Leben an. Mir sagte dieser Vorschlag ebenfalls zu, und könnte ich noch Anspannung empfinden, so wäre ich mittlerweile sicherlich fast halb verrückt geworden. Aber so heißt es eben einfach abwarten.
Ob das Ausharren wohl jedem von uns so lang vorkommt? Und müssen wir ausnahmslos durch diese Halle? Sollten das auch Jeremias und die in meinem Beisein verstorbene Frau? Bei Jeremias könnte ich es mir vorstellen, bei der Fremden jedoch nicht; dafür ist sie auch zu schnell aus ihrem Körper gewichen. Aber vielleicht öffnet sich ja bald das Tor, von welchem meine Eskorte gesprochen hat und durch das ich hindurch muss, um in mein neues Heim einziehen zu können.
Vermutlich kommt es mir nur so vor, aber ich glaube dass ich schon stundenlang hier bin, sofern man an diesem Ort mit den Zeitmaßstäben misst, die auf Erden gelten. Aber dazu kann ich kaum eine qualifizierte Auskunft abgeben, da ich ja nicht einmal eine Ahnung habe, wo dieses „hier“ genau ist. Hoffentlich muss ich nicht allzu lange an diesem Platz verweilen; die Leere und die Stille hier sind bedrückend. Kein Ton, keine Farbe, rein gar nichts ist hier – nur diese enorme Weite und ich... oder?
Moment.... ich glaube da ist doch noch etwas. Es scheint ein kleines dunkles Pünktchen mitten im Nirgendwo zu sein. Eventuell irre ich mich aber auch. Vielleicht verschwindet jetzt auch meine Geduld oder das einsame Warten auf die letzten Meter bekommt mir nicht. Aber... doch... da muss etwas sein; der Punkt verschwindet nicht. Im Gegenteil, jetzt – jetzt wird er sogar größer. Oder begrenzt sich gerade die Endlosigkeit um mich herum? Das Pünktchen wächst, dehnt sich aus... und kommt immer schneller auf mich zu. Ich erkenne, je näher es mir ist, dass es nicht dunkel, sondern rötlich sein muss. Und es rast immer schneller; unaufhaltsam kommt es heran. Aber dadurch kann ich langsam erkennen, was es eigentlich ist.
Ich... ich glaube ich habe das Tor nach Hause gefunden...




~ Epilog ~

„Fünf, vier, drei... halten Sie aus, halten Sie durch! Ja, gut so! Drei, zwei... na also!“
Ein unsicheres, erstes Luftholen, gefolgt von einem lauten Klatschen und einem noch lauteren, gellenden Schrei durchschnitt die angespannte Ruhe der letzten Minuten.
„Ein sehr kräftiges Organ; das ist gut!“ urteilte die Hebamme lachend, als sie das immer noch krakeelende Neugeborene von der Käseschmiere und dem Blut befreite, um es dann in eine warme Wolldecke zu wickeln und der erschöpft, aber glücklich lächelnden Mutter auf die Brust zu legen. „Ein hübsches Mädchen.“
„Ja, das ist sie...“, antwortete die junge Mutter matt, legte die Arme vorsichtig um ihre Tochter und streichelte liebevoll über das weiche, kleine Kinderköpfchen. Nur kurz durfte sie das Baby halten, musste der neue Erdenbürger doch noch gewogen und vermessen werden. Der jungen Frau brach es fast das Herz, als man ihr das Kind gleich wieder wegnehmen wollte, und nur das immer wieder geäußerte Versprechen der Hebamme, man würde die Kleine bald wieder zu ihr bringen können, beruhigte sie ein wenig.
Es dauerte wirklich nicht lange, bis Mutter und Tochter wieder vereint waren, und einen Tag später durften sie zusammen sogar den ersten Besuch empfangen. Die Großeltern waren außer sich vor Entzücken über ihre Enkelin; der Vater strahlte vor Stolz. Nur der zweijährige Erstgeborene der Familie war ein wenig missgestimmt, musste er jetzt doch die Aufmerksamkeit der Eltern mit einem Geschwister teilen. Doch selbst dieser Widerwillen verschwand, als der Vater den Jungen hochhob, damit auch er einen ersten Blick in das Kinderbettchen werfen konnte und die Mutter leise flüsterte: „Sieh nur, Jeremy, das ist deine kleine Schwester, Cassandra.“







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