It doesn't hurt me - do you wanna know how it feels?

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~ Dunkelstes Dunkel ~

Der Nebel war an diesem Abend unerträglich.
Solch eine Aussage wollte für London und dessen Umgebung etwas heißen, war das Land doch dafür berüchtigt, stetig in dichten, dunstigen Schwaden zu schlafen. Nebel, der oftmals zusätzlich von tristen Regenschauern begleitet wurde, so wie auch am Beginn dieser beinahe trübsinnig machenden Nacht.
Langsam aber sicher wurde es dunkel...

Irgendwo in einem hoch in den Himmel ragenden Wolkenkratzer, einem Londoner Riesen, der fast nur aus Stahl und Glas bestand, ging zu diesem Zeitpunkt das Licht in einem der sündhaft teuren Apartments an.
Ein junger Mann, vielleicht Mitte Zwanzig, tappte verschlafen aus dem Nebenzimmer, das im Gegensatz zu seinem nun erleuchteten Zwilling in kompletter Dunkelheit dalag. Schwere, royalblaue Samtvorhänge hielten nebenan die Sonne davon ab, den Tagschläfer beim Träumen zu stören... oder ihm schlimmeres anzutun. Verbrennungen waren – gerade für jemanden wie den Bewohner dieser Suite – nichts womit zu spaßen war.
Die Nacht war ohnehin viel schöner, sah man einmal ganz davon ab dass der junge Mann praktisch auf sie angewiesen war. Dass er sie benötigte, um leben zu können – zumindest das, was er für eine Art Leben hielt.
Kein grelles Licht, jede menge Schatten, in denen man sich verbergen konnte... und nebenher auch noch ideal dafür, Ladies mit sanfter Gewalt in irgendwelche Ecken zu zerren und glücklich zu machen, ohne dass gleich alle Welt dabei zusah.
Nicht, dass solcher Voyeurismus ihm etwas ausgemacht hätte; alles was er tat erledigte er ästhetisch und mehr als zufriedenstellend - aber man dachte ja an die Gefühle einer Frau und all das, wenn man ein Gentleman war...
Der Junge strich sich das etwa kinnlange, platinblonde Haar aus der Stirn, sodass zwei saphirblaue Augen, gebettet in ein überaus attraktives Gesicht, zum Vorschein kamen.
Ein Grinsen, das strahlend und rein war wie ein jungfräulicher Frühlingsmorgen, erhellte kurz die angenehmen Züge des etwas über 1,85m großen männlichen Wesens, welches seinen anziehend geformten Körper zu diesem Zeitpunkt nur mit schwarzen Calvin Klein – Boxershorts bekleidete.
Ladies und dunkle Ecken... die Mischung war großartig - sofern die jeweilige Lady mitspielte.
Aber zu dem Zeitpunkt, in dem er Damen in ‚gemütlichere’ Ecken bat waren die meisten ihm sowieso schon verfallen, sodass meist er es war, der irgendwohin gezogen wurde.
Irgendwohin, wo er über kurz oder lang immer seinen Hunger hatte stillen können.
Ein leises Kichern tropfte von den männlich – sinnlichen Lippen.
Er kannte den Spruch „Appetit holt man sich woanders, gegessen wird dann aber zu Hause“ zwar, hielt jedoch im Grunde genommen gar nichts davon. Warum sollte er spießige Verhaltenkodizes befolgen, wenn er so jedes Mal eine neue schöne Dame glücklich und sich satt machen konnte?
Das flirrende Klingeln eines Mobiltelefons holte den blonden Jüngling je aus seinen Gedanken in die Realität zurück.
„Scheiß Handy...“
Trotz des wenig freundlichen Inhalts dieser beiden Worte hätte eine Stimme nicht schöner klingen können, selbst wenn sie Dinge wie den plötzlich eingetretenen Weltfrieden verkündet hätte. Und auch, wenn er nicht die geringste Lust verspürte, so früh am Abend schon Telefonate zu führen hob der Blonde ab. Spätestens als er die Nummer des Störenfrieds erkannte wusste er, dass es wichtig war.
„Ja – was?“
„Mister Canterville?“
“Nein, Sie sprechen mit der Queen Mum... . Himmel Bernard, wer soll denn sonst an dieses Ding gehen?“
Aus der leicht verärgert klingenden Stimme des Angerufenen war nun ein flüchtiger Akzent herauszuhören – einer der schon seit längerer Zeit aus dem britischen Englisch gewaschen worden war und eher in die Zeit Shakespeares denn in die heutige passte.
Der Anrufer hingegen schien verwirrt, da er erst ein paar Sekunden brauchte, um eine Antwort zu formulieren.
„Nun ja, also... . Ich will es kurz machen, wer weiß wer sonst noch zuhört: Die Dinge die wir befürchtet haben, sind eingetroffen. Der Kuckuck hat sein Ei ins Nest gelegt.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille, als der Blonde eine makellos geschwungene Braue in die Höhe zog. Der Mann, der von ihm vorhin Bernard genannt worden war, klang nun mehr als gehetzt:
“Ich weiß nicht, was die beiden genau bezwecken, aber wenn die Vermutungen stimmen und sie näher an den Prinzen herankommen sehe ich schwarz für gewisse „Plätze“... überhaupt für die nächtliche Gesellschaft Londons. Ich... ich muss Schluss machen, ich habe noch einige wichtige Vorbereitungen zu treffen.“
Der junge Mann seufzte leise und zog verächtlich die Nase kraus. Selbst wenn sie so etwas wie miteinander verwandt waren – es gab Leute, die waren Schandflecke für ihre „Familien“.
Was für ein Feigling!
“Danke für die Information. Der Tarif ist der übliche. Oh, und... lassen Sie sich nicht umbringen, Bernard.“
“Ich... ja. Ja Sir. Auf bald.“
Kurze Zeit später war die Verbindung abgebrochen. Nachsinnend, das Mobiltelefon immer noch in der Hand, ließ sich der hochgewachsene junge Mann in einen sowohl sehr bequem als auch sehr teuer aussehenden Sessel sinken.
Viktorianischer Stil, ein Original aus der Zeit, in der diese Stilrichtung zum ersten Mal aufgekommen war. Dies wiederum garantierte Unverfälschtheit, Echtheit - etwas anderes hätte er gar nicht erst in seinem Domizil zugelassen.
Er musste nachdenken, musste etwas tun, damit das Horrorszenario nicht eintrat, welches Bernard ihm eben mit nur wenigen Worten am Telefon hatte in seinen Hinterkopf zeichnen können.
Es gab da nur ein Problem: Wenn es stimmte, was sie vermutet hatten, dann war wirklich nicht mehr nur er von den heranwogenden Problemen betroffen – was wiederum hieß, dass er Hilfe brauchen würde... .
Aber er wusste zumindest in diesem Punkt sehr genau, wo er ganz sicher bekommen würde, was er brauchte.

Etwa drei Minuten später ertönte am anderen Ende der Stadt die eingängige Tonfolge der „Teufelstrillersonate“ Tartinis. Vier Melodiewiderholungen später wurde am anderen Ende der schnurlosen Leitung endlich abgenommen und ein sehr leises, sehr ruhiges: „Sie sprechen mit Canterville, was kann ich für Sie tun?“ schob sich in den luftleeren Raum.
Das Telefonat, dass nun folgte, war kurz, präzise und vor allem schmerzhaft ehrlich - untereinander spielten die ungleichen Brüder immer und selbstverständlich mit offenen Karten.
Als Raphael auflegte, seufzte er trotzdem tief und tonlos - immerfort auf's Neue dem kleinen Bruder zu Diensten zu sein war auf Dauer ziemlich anstrengend. Besonders wenn der kleine Bruder Noah hieß und regelrecht erwartete, immer genau das zu bekommen, was er wollte.



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