It doesn't hurt me - do you wanna know how it feels?

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~ How to become a Tzimisce ~

( Praeludium - Lydia Obertus )

[ Tagebucheintrag; Frühling 1428 ]

Ich bin nicht normal.
Zumindest würde ich das niemals von mir behaupten wollen.
Sicher, jedes Wesen hat Eigenheiten, seine ganz persönlichen Neigungen und Vorlieben sowie die zu einem Charakter gehörigen Ecken und Kanten, aber das meine ich nicht.
Viel eher richte ich mit diesen Worten mein geistiges Augenmerk auf Dinge, die sich dem Wissen der meisten Menschen entziehen. Dinge, die man im Volksmund vielleicht sogar als ketzerisch oder diabolisch bezeichnen würde, einfach weil sie der Großteil aller denkenden Wesen nicht verstehen kann... oder verstehen will, je nachdem wie man es betrachtet.
Aber ich schweife ab; verliere mich in Details.
Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen möchte, wäre zusammengefasst wohl am ehesten wie folgt zu formulieren:
Ich habe früh Dinge gesehen, die anderen entgangen sind.
Schon als ich noch mit meinem Zwillingsbruder Lukas zusammen im Kinderbett lag und meine Mutter glaubte, ich griffe lachend und glucksend nach dem Holzmobile, welches Vater darüber aufgehängt hatte. In Wirklichkeit wollte ich wahrscheinlich eher nach einer geisterhaften Erscheinung greifen, die schemenhaft über meiner Wiege ihre monotonen Kreise zog oder durchscheinende Gesichter schnitt.
Auch als ich älter wurde, laufen und sprechen lernte, selbst als meine Mutter plötzlich verstarb waren sie noch da – oft genug um es bald, selbst mit dem Verstand eines Kindes, als Normalität abzutun und trotzdem selten genug, um kein Wort darüber zu verlieren. Wer hätte schon einem dreijährigen Kind geglaubt, noch dazu einem Mädchen?
Als ich dann Vier wurde konzentrierte ich meine Gedanken – man könnte fast sagen gezwungenermaßen - vornehmlich auf andere Dinge, da meine Angehörigen meinten, es sei an der Zeit, ich solle anfangen etwas zu lernen. Was ich auch tat, sogar mit Nachdruck.
Fast liebevoll führte mich mein Vater nach und nach an das Lesen, das Schreiben, die Mathematik, Sprachen, den richtigen Ausdruck und schließlich an die Wissenschaften heran, wofür ich ihm immer noch sehr dankbar bin – auch wenn dies aus der Feder einer gerade erst erwachsen gewordenen Frau vielleicht hochtrabend klingen mag.
Wie dem auch sei: Meine Lehrer wechselten, später durfte ich sogar für unsere hohen Herren arbeiten. Ich erfuhr im Zuge dessen auch die Wahrheit – und ich meine die richtige, ganze Wahrheit – über das, was wir, das heißt meine traditionsreiche Familie du somit auch ich, eigentlich sind; wozu wir geschaffen wurden und an wen oder was wir gebunden sind.
Diese Einweihungen und die Möglichkeiten, die sich meinem jungen, unbedarften Geist damit ergaben, wenn ich nur hart genug arbeiten würde, waren ergreifend und so fantastisch, dass ich bald jede freie Minute über Büchern, bei Experimenten oder im Assistieren unter weitergebildeten Scholaren unserer Familie verbrachte. Mein Vater entließ mich in diesen Punkten deshalb bald aus seiner anleitenden Obhut, damit mein Geist sich noch weiter entfalten konnte. Nichtsdestoweniger versäumte er es in liebender Aufmerksamkeit jedoch nie, mich trotzdem ab und an noch zu überprüfen. Alles in Allem hatte ich, zumindest würde ich es so titulieren, eine wirklich schöne, erfüllte Kindheit – vor allem wenn man bedenkt in welch eine Zeit ich hineingeboren bin... aber das war eben nicht alles:
Das ‚Sehen’, wie ich es nenne, kehrte pünktlich zu meinen siebten Geburtstag wieder, sogar in einer Intensität, wie ich sie zuvor noch nie erlebt hatte – und es hatte Besuch mitgebracht...

~*~*~

[ Was andernorts geschah ]

Laut und wütend heulte der Wind durch die karge Landschaft der Karpaten, fegte dabei Strohhaufen in alle Richtungen auseinander und rüttelte gleichermaßen tobend an den Fensterscheiben ärmlich wirkender Hütten wie auch an denen wohlhabender Bauernhöfe.
Die Menschen allerorten vergruben sich tiefer in die Kissen und Decken ihrer Betten und beteten zu Gott, sein Groll möge bald verrauchen, doch bemerkte man fast nichts davon in der trutzigen, hoch gegen den Himmel von Bistritz aufragenden Burg die, auf einer leichten Anhöhe gelegen, das Umland dominierte. Die hier existierenden Wesen kümmerte der brausende Sturm nicht; viel wichtiger waren Experimente und Forschungen – zumeist an Menschen, die in den vergangenen Nächten weniger Glück gehabt hatten als jene, die nur den starken Wind fürchten mussten... und selbst das interessierte den Herrn des mächtigen Anwesens zu dieser Stunde nur halb so sehr wie in anderen Nächten.

Eine blasse Hand, mit goldenen Ringen reich geschmückt, umklammerte tastend einen Becher voll dunkelroten Blutes. Blut war bedeutend, ja sogar überlebenswichtig. Blut war Leben, war Vitae – zumindest für das Wesen, welches den Kelch nun sinnierend zwischen den Fingern drehte.
Nacht für Nacht tranken sie es, Nacht für Nacht entrissen sie den kostbaren Saft den Leibern der Sterblichen, nur um ihre eigene, unheilige Existenz jede Nacht aufs Neue zu sichern... .
Blut war Leben; Blut war Vitae; Vitae war Existenz.
Fingernägel, die in dieser Nacht lang und scharf waren wie die Krallen eines wilden Tiers, glänzten im Licht unzähliger Kerzen, deren dunkles Wachs wie Herzblut über die zugehörigen, edelsteinbesetzten Kandelaber rann.
Zwei Augen, blau und tief wie das Meer, den gestrengen Blick voller Nachdenklichkeit, starrten in die Finsternis, welche die weite Halle ausfüllte und die selbst von den vielen kleinen Lichtern nicht gänzlich verdrängt werden konnte.
Ein tiefer Schluck, gefolgt von einem weiteren, floss seine Kehle hinab, ohne dass er es wirklich wahrnahm - doch was war schon Wirklichkeit in diesem Tunnel aus Schwermut und Schmerz, an dessen Ende niemals der helle Schein der Hoffnung zu sehen sein würde?
Das Wesen, heute Nacht in die hochgewachsene, breitschultrige Gestalt eines um die vierzig Winter alten Herrn gehüllt, mit Haar und Bart in der Farbe von Rabengefieder, das kantige Gesicht von erlebnisreichen Zeitaltern gezeichnet, hörte die Schreie und das Jammern.
Selbst hier in der Abgeschiedenheit seiner Gemächer, seinem eigenen bizarren Wunderland, drangen die Klagelaute aus den untersten Verließen des Schlosses an sein Ohr, doch das fahle Antlitz des Mannes zeigte keinerlei Gefühlsregungen, war bar jeder Emotion. Sein schwarzes Herz war bereits vor langer Zeit in Tausende von Scherben zersprungen; Gefühle waren zumeist sowieso nur Lügen, warum sich also damit abgeben?
Der dumpfe Ton unzähliger Uhren erklang in der Ferne, insgesamt elf Schläge drangen an seine Ohren – das verabredete Zeichen. Es war soweit, der Gast würde jede Sekunde eintreffen.
Erst zwei, dann vier Minuten verstrichen, ohne dass irgendetwas passierte.
Schließlich war es fünf Minuten nach Elf...
Die Raubtierkrallen der freien Hand trommelten und kratzten ungeduldig auf dem Polster des schweren, thronartigen Sitzmöbels, das mit prächtigen Fellen bedeckt war und auf welchem das Wesen, das alles – und jeden - im Umkreis von tausend Meilen sein Eigen nannte, saß und wartete.
Eine weitere halbe Minute verstrich, ehe ein verärgertes Brüllen durch den Audienzsaal hallte und die Fledermäuse aufschreckte, die es sich in den hohen Ecken der Zimmerdecke gemütlich gemacht hatten: „YURI!“
Ein hagerer Mann mit rehbraunen Augen, Pagenschnitt und einem Gesicht, das entfernt an das einer Ratte erinnerte, betrat in unterwürfiger, gebeugter Haltung den Saal und eilte bis etwa fünf Schritt vor den Thron, ehe er zitternd vor Angst zum Stehen kam. Der Mann in den zerschlissenen Kleidern eines Dieners machte einen hastigen Kniefall, zog den rundlichen Kopf tief zwischen die Schultern und verkrampfte seine Finger immer fester im dunklen Stoff seiner Beinlinge:: „J–ja, Herr? Ihr h-h-abt nach m-mir gerufen?“
Er schaffte es in seiner Furcht nicht einmal, seinem Gebieter kurz in die Augen zu sehen, denn der verängstigte Page wusste: Wenn der ansonsten sehr, sehr ruhige Herr des Schlosses dermaßen laut wurde, war es ernst.
In der linken Ecke hinter dem Sitz seines Herrn war mit einem Mal ein lauter werdendes, kehliges Knurren zu vernehmen, als sich der massige Schädel eines beeindruckend großen Hundes aus den Schatten schob, nur um Yuri mit wütend blitzenden Augen zu fixieren.
Das Tier geiferte und fletschte die nadelspitzen Reißzähne.
Es sah so aus, als wolle es sich erheben und auf den Diener zuspringen, um ihn in der Luft zu zerfetzen – bis eine Hand, die eben noch auf Polstern getrommelt hatte, sich sacht auf die flache Stirn des Tiers legte. Beinahe punktgenau zwischen die unwirklich großen Hörner, die aus dem Kopf des Geschöpfs wuchsen und eigentlich viel eher an einen ausgewachsenen Stier denn an einen Hund gehört hätten.
Es war eine perverse, übernatürliche Fähigkeit, doch Yuris Herr beherrschte die Kunst, Fleisch, Muskeln und Bindegehwebe, ja selbst Knochen nach seinem Bilde zu formen und es im Zuge dessen erstarren zu lassen. So erschuf der Herr der Herren Engel gleichermaßen wie Dämonen - im wahrsten Sinne des Wortes Fleisch gewordene Alpträume.
„Ruhig Flavius, ruhig...“ versetzte die tiefe Stimme des Meisters, nun überraschend sanft und beruhigend klingend, während die Hand behutsam, fast liebevoll über das Fell am Kopf der Monstrosität zu streicheln begann. Die Worte seines Herrn zügelten das Untier tatsächlich: Sanft wie ein Lamm und leise winselnd wie ein Welpe kroch der Höllenhund aus den Schatten und legte sich unterwürfig zu Füßen seines Besitzers nieder, ehe er die Augen schloss und wieder ganz ruhig wurde.
Inmitten der beinahe greifbaren Anspannung, die im Raum herrschte, begannen die Kerzen plötzlich heftig zu flackern, nur um dann eine nach der anderen in rascher Folge zu verlöschen.
Yuri japste erschrocken nach Luft und quiekte vor Angst, ehe er sich einem Reflex folgend ganz zu Boden warf und seinen dürren Körper so flach wie möglich gegen die kalten Steinfliesen presste, um wem oder was auch immer sich da näherte, kein allzu großes Angriffsziel zu bieten. Der geräuschvolle Fall des Lakaien wurde von einem gefährlich leisen Knurren des Teufelshundes begleitet, der ruckartig auf die Beine gekommen war und emsig schnüffelte, sich aber ansonsten relativ ruhig verhielt. Der Herr des Schlosses selbst blieb beeindruckend still und gelassen, ja er regte sich nicht einmal auf seinem Thron, sondern verharrte unbeeindruckt in derselben Position, in der er zuvor schon dagesessen war.
Die Dunkelheit und die Schatten, welche vorab von dem goldenen, schummrigen Licht in ihre Schranken verwiesen worden waren, eroberten den Saal für sich zurück, fielen über den Raum her wie hungrige Raubkatzen über waidwunde Beute – doch währte dieser Zustand nur einige Sekunden lang, ehe die wächsernen Lichter wieder entflammten und den Blick auf eine Person ermöglichten, welche nun mitten im Saal stand:
Ebenholzschwarze, taillenlange Locken umflossen ein engelsgleiches, alabasterfarbenes Puppengesicht, in welchem sich der volle, karmesinrote Mund zu einem unirdisch schönen Lächeln verzog – dem hintergründigen, wissenden Lächeln einer Katze, die heimlich an der Sahne genascht hatte.
Zartes, schüchternes Rosé bildete sich auf den hohen Wangenknochen, über die sich makellose Haut spannte, und als die schöne Frau den Blick aus jadegrünen Augen hob war es Yuri, der aus seiner zitternden Haltung aufgeschreckt war und sie die ganze Zeit angestarrt hatte, als müsse er unter dem lockenden, verheißungsvollen Augenaufschlag der Fremden entweder vor Liebe entflammen oder auf der Stelle sterben. Zumindest glaubte er das, bis ein leises, aber scharfes Räuspern an seine Ohren drang, das ihn von seiner rosa Wolke herunter und wieder in die Wirklichkeit riss... .
Eine hastige Verbeugung, eine huschende Bewegung und eine leise von außen schließende Tür später waren nur noch der Graf und sein weiblicher Gast allein in dem hallenartigen Zimmer.
„Selena... schönste Freundin und große Magierin, es freut mich, dich zu sehen – auch wenn ich einräumen muss dass deine Auftritte schon eindrucksvoller und pünktlicher gewesen sind als in dieser unbedeutenden Nacht...“
Der Graf hatte sich schlussendlich doch aus seinem Sitzmöbel erhoben und war mit fließenden Schritten vor die Schöne getreten, deren Hand er nun sacht an seine Lippen führte, um den begrüßenden Höflichkeitsformalie genüge zu tun. Die kobaltfarbenen Augen des Spätdreißigers glitzerten amüsiert im wiedererstarkten Kerzenschein und ließen viele Dinge, die er nicht laut ausgesprochen hatte, in diesem Augenblick doch wenigstens erahnen. Ja, er begehrte dieses unirdisch schöne Hexenweib, selbst wenn er dies niemals zugegeben hätte. Ganz davon abgesehen wusste Vladimir um den Schwur Selenas, dass sie niemals freiwillig bei einem Mann liegen würde. Er respektierte dieses Gelübde, das ihre durch den Untod ewig währende Unschuld verteidigte – selbst wenn es ihm jedwede Freude an ihrem berauschenden Körper verwehrte.
„Weshalb genau beehrst du mein bescheidenes Zimmer mit deinem Besuch?“ Die volle Bassstimme war so warm und weich wie Honigwein, doch konnte sie nicht über das leichte Feuer hinwegtäuschen, welches in den Augen des Schlossherrn glomm, als er diese Frage an seine Besucherin richtete.
Die Zauberin hatte sich bis jetzt über den Grund der verabredeten Unterhaltung ausgeschwiegen – scheinbar gab es etwas, dass der Dunkelhaarigen äußerst wichtig war...
Selenas Lächeln war die ganze Zeit über nicht aus ihrem perfekten Gesicht gewichen – zumindest nicht bis zu diesem Zeitpunkt. Nun kräuselten sich die vollen, ästhetisch weich geschwungenen Lippen; verzogen sich zu einem Schmollmund, ehe die vampirische Hexe diesen öffnete und, schöner als die Nachtigall zu singen vermag, zu sprechen begann:
„Ich bin jetzt... wie lange dein Gast? Seit gut drei Monaten, richtig?“
Zu den gekräuselten Lippen hoben sich nun auch noch kurz die beiden schmalen Augenbrauen und ein Hauch von Pikiertheit war für Sekundenbruchteile in Selenas Augen zu lesen, ehe sich ihr Blick in Nachdenklichkeit auf ihre vor der Körpermitte gefalteten Hände richtete.
„Nun, wie ich bereits zu Anfang meines Eintreffens hier angekündigt habe, nahm ich deine... ‚Anwärter’ unter die Lupe... und ich muss sagen ich bin nicht unbedingt mit deiner Tendenz in Lukas’ Richtung einverstanden.“ Die Schöne erntete einen teils überraschten, teils entrüsteten Blick vonseiten ihres Gastgebers, doch ging sie scheinbar geflissentlich darüber hinweg und ließ sich nicht in ihren zwar leise, dabei aber sehr sachlich vorgebrachten
Ausführungen unterbrechen. Die Furcht vor Vladimirs berüchtigtem Zorn, während sie ihn dazu bringen musste, von seiner vorgefassten Meinung in Bezug auf die Zwillinge abzurücken, ohne ihn als ihren Gastgeber vor den Kopf zu stoßen, war nicht aus ihren sorgsam gewählten Worten herauszuhören; auch nicht, als sie weitersprach:
“Zweifelsohne, der junge Mann vom Stamme der Obertus hat Talent, ist gebildet, belesen, charismatisch und mehr... aber was ist mit Lydia? Sie steht ihrem Bruder in absolut nichts nach, warum also nicht sie anstelle ihres Zwillings, Vladimir?“
Der Kriegerfürst verzog abfällig das Gesicht und setzte zu einer harschen Antwort an, besann sich dann aber und schüttelte einfach nur bestimmt den Kopf. Er redete mit einer Dame, nicht mit einem seiner Offiziere auf irgendeinem von Vitae getränkten Schlachtfeld:
„Selena... Lukas ist in unserer Zeit im klaren Vorteil, allein aufgrund der Tatsache, dass er männlich ist. Zudem... was sollte mich dazu bewegen, Lydia den Vorzug zu geben? Zwar ist sie ihrem Bruder vielleicht ebenbürtig - aber du hast nichts davon gesagt, dass sie eventuell besser ist... was in meinen Augen der einzige Grund wäre, sie zu wählen. Du hast sie dir beide angesehen, hast sogar zeitweilen mit ihnen gearbeitet, du müsstest da doch am besten wissen...“
Eine schmale, feingliedrige Hand legte sich plötzlich auf Vladimirs rechten Unterarm, verharrte dort und unterbrach so das Plädoyer für den männlichen Teil der Obertus – Zwillinge. Als der Graf Selena in die Augen sah, blitzten diese trotzig auf und der Glanz, welcher in ihnen zu sehen gewesen war, seit die Frau im Raum aufgetaucht war, verhärtete sich zusehends. Selenas hübsche Lippen kräuselten sich bedrohlich, verzogen sich dann zu einem vollen Schmollmund... irgendwie wirkte die Schöne aus dem Osten nervös, als sie leise sagte:
„Sie hat das Gesicht, Vladimir...“
„Das Ge... bist du dir sicher?“
“Ja, ich... habe sie beobachtet. Bei der Arbeit. Beim Zusammensein mit ihrer Familie, mit ihren Freunden. Und auch wenn sie allein war oder ist. Dieser leere Blick ab und an, dieses entrückte Verhalten... die Anzeichen sprechen eine eindeutige Sprache.“
Die Schwarzhaarige biss sich nachdenklich auf die Unterlippe – eine Geste die Männer in anderen Situationen sicher in den Wahnsinn getrieben hätte, doch jetzt entsprang sie tiefer Nachdenklichkeit.
„Zudem glaube ich dass sie... ‚Wesen’ spüren kann – um sich herum, in der Luft, an bestimmten, magiedurchwobenen Orten -, denn sie redet manchmal im Schlaf. Du und ich, wir beide wissen dass es selten ist, eine dieser Gaben zu besitzen – und wir wissen auch, welches Wesen sie beide besaß. Ich... Vladimir, ich bitte dich inständig: Nimm sie, nicht ihren Bruder, dieses Mädchen muss bewahrt werden. Bitte, gib sie mir... ich will sie ausbilden!“
Die dunklen Brauen des Grafen zogen sich zusammen und Erkennen, ja Verstehen erhellte seinen Blick. „Das ist also der Grund, warum du so vehement darauf bestehen willst... . Nun...“ Der Forschergeist, der wohl in jedem Vampir dieser besonderen Familie von Untoten schlummerte, war plötzlich deutlich an dem Lodern in seinen Augen zu lesen. Das Lächeln des Bluttrinkers wurde breiter, fast schon wölfisch, ehe er sinnend und immer noch grinsend den Kopf schief legte.
„So... soso. Wie alt sind die beiden jetzt? Dreizehn Jahre, nicht wahr? Ich mache dir einen Vorschlag, liebste Freundin: Wir warten, sagen wir... noch etwa fünf Jahre, so lange bis beide kurz vor ihrem Achtzehnten Geburtstag stehen. Falls sich diese ‚Visionen’ und das ‚Dinge sehen’, von denen du mir eben berichtet hast, sich noch nicht von selbst eingestellt haben – und wenn dein... Vorschlag... sich weiterhin in Sachen Tatendrang beweist – so werden wir uns gemeinsam eine kleine, zeremonielle Art der Prüfung überlegen. Es ist ganz einfach; wer von den beiden Geschwistern diesen von uns gemeinsam erdachten Test besteht erweist sich als würdig, zu uns zu gehören. Wer versagt... nun, ich denke du kennst unsere Form der Auslese, meine Liebe.“
Rustovich hob fragend eine Augenbraue und sah Selena dabei tief in die Augen: „Bist du einverstanden?“
Jede Sanftheit, jede Form der möglichen Zuneigung war aus seinem Gesicht sowie aus seiner Stimme verschwunden; zurück blieben nur die beiden Eigenschaften, welche den kriegerischen Vampir schon vor seinem Übertritt in die Nacht ausgezeichnet hatten: Strenge, gepaart mit Ernsthaftigkeit.
Selbst der dümmste Gesprächspartner hätte in diesem Augenblick bemerkt, dass sie letzte Frage des Unholds rein rhetorisch gemeint war. So auch Selena, die alles andere als dumm war und deshalb vorsichtig nickte.
„Ja... alles soll exakt so geschehen, wie du es gesagt hast...“
“Wunderbar; ich bin sehr froh, dass wir uns in diesen Punkten einig sind, meine Teure. So bleibt uns jetzt, wo das alles geklärt ist, wohl aber nur noch eine Möglichkeit... richtig?“
“Ja.... warten.“






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